Historische Bibliothek der Stadt Rudolstadt

Kontakt

Historische Bibliothek
Tobias Zober

Telefon: 03672 / 486 160
Telefax: 03672 / 486 169
E-Mail: histbib@rudolstadt.de

Geschichte

Der überwiegende Teil des überlieferten historischen Bestandes ist das Ergebnis eines Sammlungsprozesses, der Ende des 16. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Ausbau der Heidecksburg zur Residenz der Grafen und späteren Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt begann und Mitte des 18. Jahrhunderts zur Institutionalisierung einer fürstlichen Hofbibliothek führte:

Johann Friedrich von Schwarzburg-Rudolstadt
Johann Friedrich von Schwarzburg-
Rudolstadt. Gründer der Fürstlich
öffentlichen Bibliothek 1748.

Durch Zusammenlegung mehrerer Sammlungen, darunter der Hofkirchenbibliothek sowie der Privatbibliothek des Fürsten Johann Friedrich von Schwarzburg-Rudolstadt (1721-1767), entstand 1748 die Fürstliche öffentliche Bibliothek, zunächst auch "Untere Hofbibliothek" oder "Bibliotheca publica Fridericiana" genannt, die nicht mehr nur ausschließlich den Mitgliedern des Herrscherhauses zur Verfügung stehen, sondern hauptsächlich den Studenten des 1746 gegründeten theologischen Seminars wie auch den Gelehrten und Gästen des Fürstentums den Zugang zu Büchern erleichtern sollte. Bereits 1782/84 erschien ein gedruckter Katalog ihrer besonders wertvollen Bücher, von denen ein Teil heute noch vorhanden ist.

Ketelhodt, Carl Gerd von: Der Mensch
Ketelhodt, Carl Gerd von: Der Mensch.
Rudolstadt: Hofbuchdruckerei, 1763

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Fürstliche öffentliche Bibliothek unter Leitung meist ehemaliger Gymnasiallehrer zu einer universellen fürstlichen Landesbibliothek, die nach Auflösung des Fürstentums 1922/1923 auf Grund ihres besonderen kulturhistorischen und wissenschaftlichen Wertes vom Land Thüringen übernommen wurde. Nach Umbauarbeiten und mit einer veränderten Benutzungskonzeption wurde sie im Dezember 1925 als Thüringische Landesbibliothek Rudolstadt wiedereröffnet, bestehend aus einer wissenschaftlichen Abteilung mit dem überlieferten Bestand der ehemaligen Fürstlichen öffentlichen Bibliothek Rudolstadt und einer sogenannten "volkstümlichen Abteilung", die für Rudolstadt zukünftig die Funktion einer öffentlichen Volksbücherei erfüllen sollte.
Die Verwaltungsreform von 1952 mit der daraus resultierenden Auflösung des Landes Thüringen sowie die Zentralisierung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in der DDR bildeten 1953 den politischen Hintergrund für die institutionelle Umwandlung der Thüringischen Landesbibliothek Rudolstadt. Da dieser Vorgang von weitreichenden Folgen für ihre wissenschaftliche Abteilung, also den jahrhundertealten historischen Bestand war, soll an dieser Stelle etwas ausführlicher darauf eingegangen werden.

Aus der volkstümlichen Abteilung ging mit Beschluss des Stadtrates vom 3. März 1953 die allgemeine öffentliche Stadtbibliothek Rudolstadt (ein Jahr später Stadt- und Kreisbibliothek) hervor. Über die wissenschaftliche Abteilung hingegen entschied nach mehreren Verhandlungen am 10. September 1953 abschließend die von der Regierung der DDR gegründete Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände mit Sitz in der Landesbibliothek Gotha in einem Übereinkommen mit dem Rat des Kreises Rudolstadt.

Foto Lösche
Schulplatz 13

Die Umsetzung des Punktes 1 des zitierten Beschlusses dauerte etwa bis 1956 und führte zur Ausgliederung von etwa 20.000 Bänden (bibliographische Einheiten). Das ist eine vorläufige Schätzung, der u. a. Pauschalangaben der Empfänger (z. B. Empfangsbescheinigungen der UB Jena vom 23. Mai 1954 über 6.000 Bände , des Museums für deutsche Geschichte Berlin über einen Lastwagen voll Bücher oder die Lücken in den laufenden Nummern der Signaturen zugrunde liegen. Sie gelangten in wissenschaftliche Bibliotheken u. a. in Jena, Weimar, Gotha, Berlin. Ein nicht unerheblicher Teil davon verblieb zwar in Rudolstadt, ging hier aber in die Bibliothek der evangelischen Kirchgemeinde, in die Staatlichen Museen Heidecksburg (jetzt Thüringer Landesmuseum Heidecksburg Rudolstadt), sowie in das Landesarchiv Rudolstadt (jetzt Thüringisches Staatsarchiv Rudolstadt) über. Obwohl der größere Teil des historischen Bestandes, darunter die Inkunabelsammlung, für Rudolstadt erhalten geblieben ist, ist der verlorengegangene Buchbesitz aus heutiger Sicht als schwerwiegender Verlust zu bewerten. Dabei geht es nicht nur um buch- und kulturgeschichtlich wertvolle Drucke und Handschriften wie zum Beispiel zahlreiche Vollbibeln des 16. bis 18. Jahrhunderts, sondern ebenso um Exemplare mit buchgebundenen Besonderheiten wie Einbände, Exlibris, Widmungen, Kaufvermerke, textbezogene Anmerkungen etc. Gravierende Einschnitte erlitten insbesondere sammlungsgeschichtlich bedeutende Privatbibliotheken wie die von Carl Gerd von Ketelhodt (1738-1814) und Angehörigen des Fürstenhauses.

Entsprechend der im Punkt 4 getroffenen Festlegung des zitierten Beschlusses vom 10. September 1953 wurde der dezimierte historische Bestand verwaltungsmäßig der soeben gegründeten Stadtbibliothek zugeordnet. Das heißt, er verblieb an seinem bisherigen Standort am Schulplatz 13, jedoch separiert vom Bestand der Stadtbibliothek. Dort sollte er auf Vorschlag der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestande Gotha als heimatgeschichtliche Abteilung der Stadtbibliothek unter dem Namen „Schwarzburgische Bibliothek" ausgebaut werden. Für diese gab es von 1956 bis 1971 eine bezahlte Personalstelle, die anschließend bis zum Ende der DDR unbesetzt blieb. Damit war die wichtigste Voraussetzung für eine kontinuierliche Erschließung, Pflege, Erweiterung und Nutzung nicht mehr gegeben. Die bibliographische und wissenschaftliche Bearbeitung der Bestände und deren Nutzung kam unter diesen Umständen ebenso zum Erliegen wie die erforderliche konservatorische Betreuung.

Eine Wende brachte erst die politische Wende 1989/90. Mit der Konstituierung der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt erhielten die über mehrere Jahrhunderte mit der Geschichte Rudolstadts verbundenen Sammlungen 1993 ihre institutionelle Selbständigkeit zurück. Zugleich wurde es erforderlich, für sie einen eigenen Standort zu finden, da sich eine anspruchsgerechte Einrichtung zusammen mit der Stadtbibliothek am Schulplatz 13 als undurchführbar erwies. Nach einem von 1994 bis 2002 währenden Provisorium erhielt sie endlich ihr neues Domizil. Abgesehen von den mehrfachen Ortswechseln innerhalb der Heidecksburg ist es der vierte Standort in der Geschichte der Bibliothek. Der erste Umzug erfolgte 1804 im Zusammenhang mit dem Zuwachs der 17 000 umfassenden Privatbibliothek des schwarzburg-rudolstädtischen Kanzlers Carl Gerd von Ketelhodt von der Heidecksburg in das Ketelhodtische Palais am Neumarkt. Wiederum aus Raummangel wurde die Bibliothek 1896 in das Gebäude des ehemaligen Gymnasiums am Schulplatz 13 verlegt, wo sie bis 1994 verblieb. Am 27. Juni 2003 fand die Wiedereröffnung der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt im 1524 erbauten und von 1992 bis 2002 umfassend sanierten Alten Rathaus statt. Hier sind nun, unter einem Dach mit dem Stadtarchiv Rudolstadt, die in Teilen seit mehr als 400 Jahren existierenden Sammlungen nicht nur sicher und dauerhaft untergebracht, sondern es konnten auch die erforderlichen technischen und räumlichen Bedingungen für ihre bibliographische und wissenschaftliche Neuerschließung und Nutzung geschaffen werden.